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Mut und Wunder oder Glück - und die Gnade des kleinen Landes: Die Rettung
der bulgarischen Juden
Jacky und Lisa Comforty berichten in einem
liebenswerten "archäologischen" Film von dem nicht-stattgefundenen
Holocaust in einem Balkanland
Als in Deutschland die Nazis an die Macht kamen,
gründeten ein paar bulgarische MusikliebhaberInnen, darunter jüdische, in
Sofia eine Jazzband, die sich "The Optimists" nannte und (noch)
nicht wissen konnte, wie recht sie hatte.
Zehn Jahre später klopfte die Polizei im Morgengrauen an die Tür von
achttausendfünfhundert Jüdinnen und Juden aus Bulgarien, die nach einer
Abmachung zwischen der Regierung und dem verbündeten Hitler-Deutschen Reich
in die polnischen Konzentrationslager abtransportiert werden sollten. Während
sie den Tag an den Sammelpunkten verbrachten, ging ein wildes Telefonieren,
Kontaktieren, Rumoren und Demonstrieren durchs Land. Am Abend wurden sie
schlicht wieder nach Hause geschickt.
Die bulgarischen Juden -insgesamt sind es fünfzigtausend, die gerettet wurden-
sind später ausgewandert, über Zypern nach Palästina; Schiffsunglücke und
Eintrittsverweigerung durch britische Besatzungsmacht und Palästinenser
brachten womöglich mehr von ihnen zu Tode als die Nazis. Israel und U.S.A.
sind heute die Heimat dieser "Optimisten" ...
Was ? - Wir sind sprachlos, verwirrt, beschämt, fühlen Schuldgefühle gerade
wegen des unverhofften winzigen "Mangels an Schuld" an diesem
Punkt. Die anderen hellen Stellen auf der riesigen Holocaust-Landkarte können
wir aufzählen: die "Mischehen"-Demonstration "arischer"
LebenspartnerInnen in Berlin, den Judenrettungs-Deal in Dänemark. Die einzige
Religion, die vielen heute noch einleuchtet -Auschwitz als Inkarnation des
bekannten absolut Bösen gegen das unbekannte absolut Gute-, sie kennt so
etwas nicht oft. Und peinlich ist es zudem, von der Rettung der bulgarischen
Juden gar nichts gewusst zu haben. Übrigens wissen wir nach dem Film auch
nicht sehr viel, denn die Erzählung beantwortet kein Warum und Wieso und
Warumnichtanderswo und Wiewarsmöglich; nur dass es so war, bemühen wir uns
dem Film abzunehmen.
"The Optimists" verdankt sich wie viele dieser charmant ausgebauten
dokumentarischen Filme einer Familientradition, hier der Tradition von Jacky
Comforty und Mutter und Großeltern, und einem spektakulären atemberaubenden
Foto-Fund. Die Familie Comforty besaß fünftausend Fotos des bulgarischen
Lebens von 1900 bis 1950, die Hälfte davon aus den Großväter-Zeiten. So
genießen wir in dem liebevollen bräunlichen Chamois-Ton, der unweigerlich die
Urgroßväter-Generation vor unsre Augen ruft, zum Beispiel das Eingangsfoto
vom jugendfrischen Ur-Comforty mit seiner Frau und ihrer Schwester, die er
nach dem Tod seiner Frau heiratete. Wir sehen und hören vor allem auch die
Musik der Jazzband - von damals fast bis heute. Wir sehen das Straßen- und
das kirchliche Leben, das Zentrum von Sofia, Parlamentsbetrieb, auch die mit
gepackten Sachen "wandernden" Juden, die Kinder, die Züge - in
Richtung Treblinka. Wir sehen zwischen den ruhigen und unverkrampften Erzählungen
auch die Wochenschauen von der Zuspitzung des Krieges, sehen den begeisterten
Applaus, als das mit den Nazis verbündete Bulgarien Teile des griechischen
Thrakiens und des jugoslawischen Makedoniens zugeschlagen bekommt. Vor allem
sehen wir auch die Bilder von den Lagern und den Deportationen der Juden aus
diesen "groß-bulgarischen" besetzten Gebieten. Der Film verschweigt
es nicht, aber seine glückselige Stimmungslage lässt er sich davon nicht
verderben, ein bisschen als wäre die Rettung der "Ur-Bulgaren"
wichtiger gewesen als der Untergang der "Neu-Bulgaren". Aber ein
ungutes Gefühl kommt nur kurz auf und macht alsbald einer
selbstverständlichen Regung Platz: diese Beschränkung ist menschlich, die
Freude über die Rettung der eigenen Kinder lässt sich nicht aufwiegen durch
den Tod anderer.
Zur Zeit werden ja überall "archäologische" Filme über den
Holocaust und sein Fortwirken gedreht, schlicht auch deswegen, weil die
biologische "Uhr" uns nur noch kurze Zeit lässt, um ZeitzeugInnen
persönlich und lebendig zu Wort kommen zu lassen. Claude Lanzmanns
"Shoah"-Werk und Steven Spielbergs riesiges Shoah-Video-Archiv sind
bekannt, aber auch an "Die letzten Tage", "... Verzeihung ich
lebe", "Der Fotograf" sei erinnert. Selbstverständlich enthält
auch der Bulgarien-Film viele Szenen, die sich zu einem großen Spielfilm der
Gefühle, ähnlich "Schindlers Liste", ausbauen ließen. Ein Beispiel:
der Familienvater sieht am Tag vor der geplanten Deportation zwei Männer im
Halbdunklen auf der Straße, sie scheinen genau sein Haus und Grundstück zu
beobachten. Ihm kommt das verdächtig vor, er fasst sich ein Herz, geht auf
die Straße und fragt, was sie da wollen - nur um herauszufinden, dass sie
seine liebsten Nachbarn sind, die etwas verlegen ihr Dilemma schildern: sie hätten
gehört, dass möglicherweise Übergriffe geplant waren, und wollten aufpassen
helfen, aber ihm dann doch nicht nicht Bescheid sagen, damit er sich nicht
unnötig beunruhigt, wenn es ruhig bleibt.
Von vielen dieser "archäologischen" Filme unterscheidet sich
"The Optimists" durch eine unbekümmert nicht-intellektuelle Art. Es
geht zu wie in einer großen Familie, auf einer Insel der Seligen - oder
beides. Mit ungebrochener Naivität sagt der Bischof Kharalampiev, der auf
seinen hundertjährigen Geburtstag zugeht, niemand dürfe jemand anders in
seinem oder ihrem Glauben einengen. Das habe er damals gesagt -der Regierung
nämlich, und Kommunisten und Gewerkschaften schlossen sich an und letztlich
war der Einspruch eben erfolgreich. Das sage er heute -schließlich wurde auch
der Stalinismus überstanden. Und das werde er immer sagen.
Mich persönlich hat die Geschichte des Films an Dimitroff erinnert: diesen
bulgarischen Kommunisten hatte Göring höchstpersönlich wegen des
Reichstagsbrands angeklagt, und vor Gericht klagte stattdessen Dimitroff die
Nazis an, rhetorisch so gut, dass es von Stund an zum Ideal jedes
Revolutionärs und jeder Revolutionärin wurde, "einen Dimitroff zu
bauen", sprich: in politischen Prozessen aus den Anklägern die
Angeklagten zu machen. So haben die bulgarischen Juden und ihre Schützer wohl
1943 den größten "Dimitroff gebaut", den ihre Geschichte aufweist.
Ein naives Selbstlob, aber ein schönes, dekoriert den Schluss des Films:
"Ich bin stolz, ein Bulgare zu sein" - wie bitte ? Mit dem Wort
"Deutscher" ist der Satz in üble Hände bzw. Mäuler gefallen, aber
wer könnte die Bulgaren nach dieser schlichten historischen Großtat deswegen
tadeln. "Bulgare sein, heißt Mensch sein", wird auch gesagt - hier
gilt das Gleiche, und die Roma auf dem Balkan sind auch nicht deswegen
chauvinistisch, weil ihre Selbstbezeichnung "Roma" eben
"Menschen" bedeutet. Die Pogrome gegen Roma und Türken in
Bulgarien, von denen vielfach berichtet wird, sind in dem Film nicht erwähnt:
das wäre zu wünschen gewesen, aber ein zentraler Einwand ist es nicht.
So kommt kaum das Gefühl auf, man habe eine Wiederholung des ewig gleichen
Themas aus moralschürfenden Beweggründen vor Augen; auch das Folkloristische
hält sich in Grenzen, denn wie alle verstädterten Regionen des Balkans hat
auch das Sofia der Dreißiger Jahre einiges von New York. Nur unser
Geschichtsbild könnte etwas mehr Orientierung vertragen: warum gelang hier,
was sonst -beinahe- nirgends gelang ? Der Film verweist auf die Rolle der
Kirche, aber Unterstützung des Antisemitismus ist anderswo durchaus auch von
orthodoxer Seite keine Seltenheit gewesen. Er verweist auch auf den Status
Bulgariens als mit den Nazis verbündetes, nicht von ihnen besetztes Land. Das
steht wohl am meisten für die Situation auf Messers Schneide, der die
"Optimists" ihre Spannung auf Leben und Tod wie letztlich ihr
wunderbares Glück verdanken. Ein paar Mosaiksteine fügen sich zusammen:
Frankreich und die Niederlande waren wie die anderen Balkanländer bis auf
Mussolinis Albanien und eben Bulgarien von der Nazi-Armee besetzt, so konnte
die Juden-Deportation durchgesetzt werden; Spanien und Portugal waren zwar
ideologisch verbündet aber aus militärischer Vorsicht neutral, so konnten
sich Juden dorthin retten. Aber am meisten kommt das dänische Beispiel in den
Sinn, und die Hoffnung, gerade im Globalisierungs-Zeitalter, es möge
weiterhin politische Einheiten geben, die klein und nicht sehr bedeutend sind
- so dass einfach dieser banale, technische Umstand manchmal das Schlimmste
verhindert. "Small is beautiful", der politische Satz aus dem
ökologischen Spektrum, könnte über den "Optimists" stehen.
Der Film ist übrigens von dem Profi- und Zeitzeugen-Angehörigen-Paar Jacky
und Lisa Comforty gedreht; über hundert Interviews und zwölf Jahre Arbeit
quasi rund um die Welt haben sie selbst und die Chambon-Stiftung für
Holocaust-Aufklärung finanziert. Respekt,
Respekt.
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